Meine Hunde

Hunde hatte ich mein ganzes Leben lang um mich. In meiner Jugend waren es immer Dackel, die mein Vater, der Forstrat war, zur Jagd abrichtete.
Mein erster eigener Hund war ein Zwergdackel, dann hatte ich einen Zwerschnautzer und nun sind wir vom Jack Russell begeistert.
Unser Mäxle war ein Jack Russell. Xena ist eine Parson - Jack - Russell Hündin.

           

   

DIE ZEIT

Wissen 24/2002

Hilfslehrer Hund

Mit zwei Labradoren im Klassenraum entschärft der Mathematiklehrer Bernd Retzlaff das Gewaltpotenzial an seiner Hauptschule

von Stefan Scheytt

Die Mathematikstunde an der Ernst-Leitz-Schule in Sulzburg ist halb um. Elf Jungen und drei Mädchen üben sich im Wurzelziehen. Der Lehrer geht durchs Klassenzimmer. Hier setzt er sich auf eine Tischkante, dort beugt er sich zu einem Schüler hinab. Und aus der Ecke kommt ein sabberndes Geräusch. Ein mittelgroßer heller Hund schlappt Wasser aus einem Metallnapf, leckt sich die Schnauze und macht sich trottend zwischen Mappen, Tisch- und Schülerbeinen auf die Suche nach Essbarem.

Nichts daran ist außergewöhnlich. Jedenfalls nicht hier, in der 9. Klasse von Bernd Retzlaff. Ein zweiter Hund gehört genauso zum Schulalltag. Er liegt auf dem Boden und lässt sich genüsslich von einem Schüler kraulen, der mit der anderen Hand Lösungen ins Schulheft kritzelt.

Die Labradore Jule und Nina sind Bernd Retzlaffs Assistenten, zwei lammfromme, neugierige, etwas übergewichtige, gelenkschwache Hilfslehrer. Sie erfüllen eine wichtige Rolle im Klassenzimmer: Den Schülern sind Jule und Nina Seelentröster und Aggressionshemmer, Mutmacher und Stimmungsaufheller, Lernbeschleuniger und Stressfresser in einem. "Ich muss gar nicht in die pädagogische Trickkiste greifen. Das machen die Hunde für mich", sagt Bernd Retzlaff. Die Labradore sind der Kern seines Unterrichtskonzepts.

Das Experiment des tierliebenden Klassenlehrers begann vor drei Jahren. Damals wurde Retzlaff an der Grund- und Hauptschule im badischen Sulzburg eine neue Klasse zugeteilt, die "völlig verlottert war", wie sich der Pädagoge erinnert. Es gab Prügeleien, es wurde geklaut, Stühle flogen, Jacken wurden zerrissen. Ein Schüler war als Dealer polizeibekannt, stand kurz vor dem Rausschmiss. "Es steckte so viel Gewaltpotenzial in der Klasse, dass ich mir überlegt habe, ob ich sie tatsächlich übernehmen soll."

Beim gemeinsamen Streichen des Klassenzimmers mit seinen Schülern drehte sich der Wind. Denn Tierfreund Retzlaff, der seine Hunde schon immer gern zu Klassenfahrten oder Schulausflügen mitnahm, tauchte zu den freiwilligen Arbeitsnachmittagen stets mit Jule auf. Bald rannte die Labradorhündin mit Malerhütchen und Farbklecksen im Fell durchs Zimmer und verbreitete beste Laune bei der Arbeit. Die Schüler fragten: "Kann Jule nicht in den Unterricht kommen?"

Dem Lehrer gefiel die Idee. Im Kollegium warb er dafür mit einer Umfrage des Zürcher Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) von 1998. Darin berichteten 30 Schweizer Kindergärtnerinnen und Primarlehrer, die ihr Tier zur Arbeit mitbrachten, von positiven Erfahrungen. Die Eltern gewann Retzlaff bei einem Gespräch mit Kindern und Lehrern: Er versprach, die Hunde nie allein durchs Schulhaus laufen zu lassen und den Versuch zu beenden, sobald ein Schüler zu große Angst habe.

Nach über zwei Jahren täglichen Umgangs mit den Hunden sei seine 9. Klasse kaum mehr wiederzuerkennen, meint Retzlaff. Die Stimmung sei fröhlicher, der Geräuschpegel geringer, Stühle flögen keine mehr. Rangeleien und verbale Rüpeleien erlebt der Lehrer kaum noch. Die Hunde haben sich als Lärmdämpfer und Wohlfühlförderer erwiesen. "Hunde nehmen einen, wie man ist, egal, ob man schlechte Noten hat, sich für zu dick hält oder Pickel hat", beschreibt Retzlaff den therapeutischen Effekt seiner Labradoren. Da war zum Beispiel jener 15-Jährige aus dem Kosovo, ein aufgeschossener breitschultriger Junge mit Macho-Allüren, der seine Unsicherheit mit aggressivem Verhalten überspielte. Als die Hunde da waren, lag er oft auf dem Boden und schmuste mit ihnen. "Plötzlich konnte er sich zärtlich und einfühlsam geben, ohne Angst, er würde deshalb ausgelacht", sagt Retzlaff. Ein muslimisches Mädchen überwand dank Jule und Nina seine panische Angst vor Hunden, ein anderer, der bei Matheprüfungen "regelrecht zitterte", beruhigte sich, sobald zu seinen Füßen ein Hund lag.

Die positiven Effekte, die Retzlaff bei seinen Schülern beobachtet, hat der Biologe Kurt Kotrschal von der Konrad Lorenz Forschungsstelle im österreichischen Grünau kürzlich wissenschaftlich nachgewiesen. In einer Wiener Volksschulklasse mit hohem Immigrantenanteil filmte Kotrschal die zehn- bis zwölfjährigen Schüler im Unterricht - vier Wochen mit Hund, vier Wochen ohne. Das Ergebnis: Die Anwesenheit der Hunde ließ introvertierte, ängstliche Kinder häufiger aus ihrer Isolierung treten, während sie hyperaktive und reizbare Schüler beruhigte. "Es gab signifikant weniger aggressive Auseinandersetzungen", sagt Kotrschal. Die Hunde brachten zwar mehr Unruhe in die Klasse - doch die schlug sich letztlich in einer wesentlich stärkeren Aufmerksamkeit für den Lehrer nieder. Eine parallele psychologische Untersuchung der Universität Wien, die die Hundeklasse mit einer anderen Klasse verglich, zeigte zudem eine größere Schulzufriedenheit und geringere Fehlzeiten. "Ein klarer Hinweis, dass Hunde soziale Integration und Lernbereitschaft fördern", sagt Kotrschal.

Die "Eisbrecherfunktion" von Hunden lobt auch Erhard Olbrich, Psychologe an der Universität Erlangen-Nürnberg und Experte für "tiergestützte Pädagogik": "Tiere wecken unsere Empathie. Die Rücksicht, die man ihnen entgegenbringt, wirkt zurück auf die gesamte Atmosphäre." So ein spannender Hund bringe Neugierde und Kreativität in den Unterricht zurück. "Das kann ein guter Lehrer für sich nutzen."

Bernd Retzlaff brauchte nicht erst wissenschaftliche Untersuchungen, um vom Sinn des Hundeunterrichts überzeugt zu sein. Der eigenwillige Kopf war es gewohnt, dass im Leben vieles ungewohnt verläuft. Seinen Beruf müsste er schon gar nicht mehr ausüben. Schwerkrank wurde Bernd Retzlaff mit 45 Jahren frühpensioniert. Daraufhin machte er sich mit Frau und Hund im Wohnmobil auf eine Reise, von der er annahm, dass es seine letzte sein würde. Doch unterwegs in den USA und Mexiko, Frankreich und Portugal, konnte sich der Pädagoge nicht verkneifen, interessehalber in Schulen vorbeizuschauen. "Natürlich stieß ich nirgendwo auf das perfekte System, aber ich entdeckte viele Möglichkeiten, vor allem in Ganztagsschulen."

Lag es an der nie nachlassenden Neugier, oder war es einfach nur Glück? Retzlaff wurde nicht, wie die Ärzte erwartet hatten, kränker, sondern gesünder. Zehn Jahre später fühlte er sich wieder so stark, dass er, zum Erstaunen der Schulbehörde, freiwillig in seinen Beruf zurückkehrte. "Ich bin gerne Erzieher, die Schüler und die Schule fehlten mir."

Wer den heute 58-Jährigen, in Jeans und Rolli gekleideten Lehrer im Unterricht erlebt, spürt, dass hier einer seine Berufung gefunden hat. Dabei ist er alles andere als ein Softie-Pädagoge. Im Gegenteil. Retzlaff pocht mit sonorer Bassstimme auf Sekundärtugenden, an die auch ein Plakat im Klassenzimmer erinnert. Vergisst ein Schüler das "guten Morgen!", hält Retzlaff die gewölbte Hand hinters Ohr. Will die Klasse das Auflesen von Butterbrotpapier an die Putzfrau delegieren, lässt er zur gemeinsamen Putzaktion antreten. Regeln müssen eingehalten werden, auch von ihm selbst: Wirft Nina den Mülleimer um, räumt selbstverständlich der Lehrer auf. Ist schließlich sein Hund. Klaut Jule sein Pausenbrot, weil er es gegen die Vereinbarung offen liegen ließ, zahlt er regelkonform in die Klassenkasse. Wer das beliebte Gassigehen mit den Hunden in der großen Pause zum Rauchen missbraucht, ist erst mal vom Plan gestrichen.

Retzlaffs klare Regeln erlauben Großzügigkeiten. Kaugummikauen, kein Thema - wenn es ohne Schmatzen geht und der Kaugummi später nicht unterm Tisch klebt. Und solange der Chef nicht den Eindruck hat, die Aufmerksamkeit leide, darf sich der Schüler zum Aufgabenmachen auch auf den Boden zu den Hunden kuscheln. Devotes Stillsitzen und Mundhalten gehören nicht zu Retzlaffs Kanon. "In einer ruhigen Klasse wird nicht automatisch mehr gelernt", findet der Lehrer, bei dem die Schüler ganz selbstverständlich ihre Hefte hin- und herreichen dürfen oder Hilfe am Nachbartisch holen. Das deutsche Schulsystem möchte er eh am liebsten "völlig umgekrempelt" sehen. Der 45-Minuten-Takt sei pädagogischer Krampf, Kindern durch Nichtversetzen den Versagerstempel aufzudrücken, hält er für richtig schlimm.

Von seinem Schulhundeprojekt ließ sich auch seine Rektorin Annemarie Quint schnell überzeugen. Schließlich ist die Schulleiterin selbst reformfreudig. Wegen eingeschlagener Türen, zerrissener Jacken und Prügeleien auf dem Schulhof tagt an ihrer Schule nicht mehr die Lehrerkonferenz. Zuerst setzen sich die streitenden Schüler mit ihren "Anwälten", den als Schlichtern ausgebildeten Lehrern, zusammen. "Retzlaffs Hunde, beim Staatlichen Schulamt ordentlich als Projekt angemeldet, passten ideal in unser Konzept", sagt Annemarie Quint, "das Klima hat sich verändert: Disziplinarische Probleme haben sich bei uns in Luft aufgelöst."

Bernd Retzlaff erhält inzwischen Briefe, Anrufe und E-Mails aus ganz Deutschland. Ein Präventionsexperte der Heidelberger Polizei ließ sich das Schulhundprojekt zeigen, nachahmungswillige Lehrer erkundigen sich nach den Hintergründen. Retzlaff erzählt ihnen dann, dass Jule und Nina keine ausgebildeten Therapiehunde sind, wohl aber charakterlich bestens geeignete und belastbare Tiere; und dass es eines Lehrers bedarf, der nicht deshalb Hundehalter werden will, weil er das Tier für die Schule braucht. "Man muss Hunde mögen", sagt Retzlaff, "ich lebe mit ihnen seit 33 Jahren, sie sind mir schon immer nachgelaufen."

Nur Retzlaffs Schüler akzeptieren das ungern. Bleibt er mal krank zu Hause, fragen sie: "Können die Hunde nicht auch ohne ihn kommen?"


Bernd Retzlaff unterrichtet seit drei Jahren an der Ernst-Leitz-Schule im badischen Sulzburg. Der heute 58-jährige Mathematiklehrer wurde bereits 1989 wegen einer schweren Krankheit frühpensioniert. Zehn Jahre später kehrte er auf eigenen Wunsch in den Schuldienst zurück. Seither hat er stets seine Labradorhündinnen Jule und Nina dabei - als Seelentröster und Lernbeschleunigerinnen für die Schüler