Einfachheit

Lebe einfach - damit andere einfach leben können
Johann Christoph Arnold

Unsere westliche Kultur leidet nicht nur unter einem immer schneller werdenden Tempo, sondern wir sind besessen von der Furcht, immer weniger Zeit und Raum zu haben. Deshalb versuchen wir, Zeit zu sparen, Raum zu gewinnen und die Zukunft so weit wie möglich abzusichern. So leben wir schließlich in einer zeitlosen Gegenwart.

Der Mönch und Dichter Thomas Merton schrieb:

Wir zählen nach Milliarden und leben zusammengedrängt, verwaltet, gezählt, eingeschätzt, hin und her geschoben, gedrillt, bewaffnet.... vom Leben enttäuscht. Und am Ende gibt es keinen Platz mehr für die Natur. Sie wird durch die Städte vom Antlitz der Erde verdrängt. Es gibt keinen Raum für Stille. Es gibt keinen Raum zum Alleinsein. Es gibt keinen Raum zum Nachdenken. Es gibt keinen Raum, unseren Zustand zu erkennen.

Und am schlimmsten: Wir ermangeln nicht nur des Friedens, der Zeit, des Raums für uns selbst, sondern wir hindern einander daran, dies alles zu finden.

Allein in den letzten fünfundzwanzig Jahren haben neue Erfindungen und Verbesserungen unser Leben völlig umgekrempelt. Handys, E-Mail und zahllose hochtechnisierte arbeitssparende Geräte haben unsere Arbeitsplätze und unsere Haushalte radikal verändert. Aber haben sie uns den Frieden und die Freiheit gebracht, die sie uns zu versprechen schienen?

Ohne dass wir es gemerkt haben, wurden wir – in unserem Bestreben, uns die Technologie nutzbar zu machen – abgestumpft, wenn nicht sogar einer Gehirnwäsche unterzogen. Wir wurden Sklaven eines Systems, das uns dazu verführt, unser Geld für die neuesten Geräte auszugeben, und wir glauben, wir hätten mehr Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens, wenn wir rationeller arbeiten könnten. Das ist jedoch eine verrückte Logik. Wenn Verbesserungen auf allen Gebieten, von Computerprogrammen bis zu Autos, uns dauernd vorantreiben, wenn wir ständig auf der Jagd sind nach dem letzten Schrei – selbst gegen unser besseres Wissen – müssen wir uns fragen, was wir schließlich davon haben und ob unser Leben wirklich ruhiger und friedlicher geworden ist.

Unser ständig komplizierter werdendes Leben hat uns nicht nur ruhelos und friedlos, sondern letzten Endes nervös, unsicher und hilflos gemacht. Schon vor fünfzig Jahren schrieb der deutsche Pädagoge Friedrich Wilhelm Foerster:

Mehr als je zuvor hat der technische Fortschritt das Leben in jeder Beziehung bequemer gemacht, aber auch mehr als je zuvor sind wir Menschen den Schicksalsschlägen hilflos ausgeliefert. Das kommt einfach daher, weil eine nur materielle, technisierte Kultur angesichts von Tragödien keine Hilfe geben kann. Der heutige Mensch, oberflächlich wie er ist, hat keine Phantasie, keine Kraft, die ihn befähigen könnten, mit seiner eigenen Ruhelosigkeit und Gespaltenheit fertig zu werden. Er weiß nicht, wie er mit dem Leiden umgehen soll, wie er etwas Fruchtbares daraus machen kann, sondern er hält es nur für etwas Bedrückendes, das ihn zur Verzweiflung bringt und seinem Leben in die Quere kommt. Er hat keinen Frieden. Und die gleichen Erfahrungen, die jemand mit einem wachen Innenleben lehren können, das Leben zu meistern, können bei einem anderen dazu ausreichen, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen.

In einer kürzlichen Trendmeldung berichtete die Zeitschrift Time von einem jungen Ehepaar, das aus seinem vornehmen Vorort wegzog, weil die junge Frau genug davon hatte, in einer Nachbarschaft zu leben, wo die Menschen „sich krumm und bucklig arbeiten, um ihre großen, leeren Häuser mit teurem Kram zu füllen.“ Sie suchte „Klarheit, Einfachheit und Seelenfrieden.“

Zu Anfang kam ihnen das Leben in ihrer neuen kleinstädtischen Umgebung ideal vor, aber innerhalb kurzer Zeit drückte Arbeitslosigkeit die Kriminalitätsrate nach oben und engherzige Nachbarn bereiteten ihnen Kopfschmerzen. Die junge Frau war entschlossen, nicht aufzugeben. Sie stürzte sich in die Renovierung von historischen Gebäuden und wurde im Schulbeirat aktiv. Aber auch das schien ihr keine Erfüllung zu bringen. Schließlich kam das Paar auf einen großartigen Plan, wie einem ruhigen Leben näherzukommen sei. Sie zogen nach Nantucket und gründeten eine Frühstückspension.

Ebenso wenig wie das Glück, kann auch die Einfachheit nicht hergezaubert werden. Das soll nicht heißen, dass jeder individuell danach suchen muss. Aber wenn man es für sich selbst sucht, kann es nur zu Enttäuschungen führen. Wenn wir von dem materialistischen Lebensstil genug haben und seinen Zwängen entkommen wollen, ist mehr nötig als ein Platzwechsel.

Meine Großeltern lebten in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Europa, und dort gehörte zu der Suche nach dem einfachen Leben auch die Sehnsucht nach Echtheit, nach Ehrfurcht vor der Natur, nach Gemeinschaft und Harmonie mit dem Schöpfer. Wie unlängst die Jugend in den 60ern, bildeten die jungen Menschen zur Zeit meiner Eltern Gemeinschaften, wo sie enger füreinander und – auch wenn sie es nicht religiös ausdrückten – näher bei Gott leben konnten.

Heute betonen Leute wie Wendell Berry (der „Thoreau“ von Kentucky), wie grundlegend wichtig es ist, zur Natur und zur Selbstversorgung zurückzukehren und „einfach zu leben, damit andere einfach leben können.“ Im Südwesten von Frankreich liegt das Thich-Nhat-Hanh Plum-Village, ein Ort der Stille und eine Gemeinschaft von in der Mehrzahl vietnamesischen Mönchen, Nonnen und Familien. Dort kann man viel lernen über den Zusammenhang zwischen Einfachheit und Frieden.

Diejenigen von uns, die kleine Kinder haben (oder Enkel, Nichten, Neffen), sollten immer daran denken, dass wir von deren Einfachheit vieles lernen können. Anders als wir Erwachsene, wenden Kinder sich spontan dem Wichtigen und Naheliegenden zu. Das größte Vergnügen haben sie an natürlichen und einfachen Dingen. Sie leben völlig in der Gegenwart und handeln aus dem Herzen heraus, weil ihre Gedanken noch frei sind von Plänen, Programmen, Hemmungen und Motiven.

Einfachheit ist nicht um ihrer selbst willen da. Trotzdem bleibt sie etwas, um das wir uns ständig bemühen müssen, wenn Besitz und Betriebsamkeit und Tagespläne uns von den wichtigen Dingen des Lebens abhalten wollen – wie Familie, Freunde, schöpferische Beziehungen und Kreativität. Das sind die Dinge die uns verbinden und einander näher bringen. Wir sollten mehr Zeit mit unseren Kindern verbringen und weniger mit unseren Gerätschaften und Maschinen, um unabhängiger zu werden von den Dingen, aber abhängiger von Gott.

Jesus fragte: „Was hilft es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und doch an seiner Seele Schaden nimmt?“ Ich habe oft über diese einfache Frage nachgedacht und Frieden darin gefunden. Sie ist keine Drohung, die über unseren Köpfen schwebt, sondern eine klare Leitlinie und eine Erinnerung an das, was wirklich wichtig ist.